Alexa kann schweißen

“Danke Alexa!” Sagt der Typ am Tisch neben uns zu mir und alle lachen. Am Wochenende waren wir im Südblock brunchen, dem wohl wunderbarsten queeren Café der Stadt. Neben uns saß eine Gruppe Männer, die Mini sofort zweifellos als “Piraten” identifiziert hat. Nachdem die “Piraten” mit ihrem Brunch fertig waren, wollten sie noch einkaufen. Einer hatte also sein Handy gefragt, wie lange der Lidl am Ostbahnhof aufhat. “Da ist nur ein Penny und der hat auch am Sonntag bis 22 Uhr auf!” Habe ich ihm geantwortet. Weil ich einfach immer gern helfen will. Und weil ich nach wie vor grundfest davon überzeugt bin, dass die meisten Menschen gute Menschen sind. Auch wenn ich gelegentlich gezwungen werde, daran zu zweifeln.

Die letzte Woche war ein einziger langer Montag. Nachdem ich am Montag Abend noch eine dritte Anzeige erstattet habe, weil jemensch meint, mich anonym belästigen zu müssen, brach am Dienstag ein Shitstorm über mich rein. Der selbe Typ oder ein anderer hat sich durch acht Jahre meiner Tweets gegraben, um auf ein Foto, dass ich aus einer Lufthansa Lounge getwittert habe, zu finden. Und das dann zum Anlass zu nehmen, mich als heuchlerisch und verlogen und politisch unkorrekt zu verunglimpfen. Denn es ist ja allseits bekannt, dass mensch nicht fliegen darf, niemals geflogen sein darf, wenn eins bei den Grünen ist. Wie kann ich es wagen, autofreie Innenstädte zu fordern, wenn ich doch offensichtlich schonmal einen Flug genossen habe? Das muss natürlich sofort mit einem Shitstorm bestraft werden! Fast die ganze Woche lang prasselten herablassende, zynische und hetzerische Nachrichten auf meine Accounts ein. Natürlich gleich am ersten Abend verstärkt von diversen AfD-Accounts und einem bekannten antifeministischen Hetzblogger.
Ich fühle mich ja geehrt in die gleiche Schublade geschmissen zu werden wie Luisa Neubauer, die hierzulande die Fridays For Future anführt, und Solidaritätsbekundungen von Rezo himself zu bekommen, aber es ist natürlich trotzdem nervig. Es frisst Zeit, von der ich eh schon zu wenig habe und es macht definitiv keinen Spaß.
Würde ich aber nur das Schlechte darüber sehen, würden sich wahrscheinlich jetzt ein paar Trolle freuen, die das hier lesen, auf der Suche nach noch mehr Futter für reißerische Tweets. Aber nix da. Frei nach Margarete Stokowski: Dass so etwas passiert, bestätigt ja vor allem, wie wichtig es ist, dass es Frauen gibt, die sich einbringen und öffentlich ihre Meinung äußern. All die Hater und Hetzer haben also genau eins geschafft: Ihre eigene Lebenszeit vergeuden. Und sollte ich je wieder eine Talk zu Hate Speech machen, habe ich jetzt noch mehr Material.

Es gab natürlich auch gute Momente letzte Woche. Ein kleiner Superwomanstunt am Freitag zum Beispiel, als ich es innerhalb von 17 Minuten geschafft habe, aus einem Meeting raus aufs Rad zu springen, auf dem Heimweg noch Pralinen für die Erzieherinnen zu kaufen, zwei Minuten vor dem nächsten Meeting das Rad vor der Haustür abzuschließen, mir im Aufzug das Headset ins Ohr zu stöpseln und Punkt 15 Uhr für den nächsten Call am Küchentisch zu sitzen. Das Gute in Videokonferenzen ist ja, dass niemand sieht, dass Deine Jacke unter dem Tisch liegt, und Du Dir gerade noch die Schuhe ausziehst. Nachdem Call bin ich – ebenfalls überpünktlich – los um Mini vom letzten Kitatag abzuholen. Jetzt sind erstmal Ferien!
Auf dem Heimweg dann als Auftakt ins Wochenende noch ein sehr unerwartetes Highlight: Wir laufen immer an einer Werkstatt vorbei und meistens steht die Tür offen. Am Freitag konnte man ein sehr eindeutiges Britzeln hören und während ich Mini davon abgehalten habe, hinzugucken, habe ich leicht stolz erklärt, dass ich das auch mal gemacht habe. “Willst Du?” fragt es aus der Tür und noch vor mir war Mini in der Werkstatt. Und obwohl ich zum letzten Mal vor ungefähr 20 Jahren eine solche Elektrode in der Hand gehalten habe, habe ich auf einmal zwei Stahlteile zusammengeschweißt. Bisschen geil.
Nicht, dass ich Elektroschweißen regelmäßig im Alltag brauche, aber es ist einfach immer empowernd, Sachen zu können. Es macht die Welt begreifbarer und mich uns damit handlungsmächtiger. Das gilt für Stahl genauso wie für Computer. Einmal einen aufzuschrauben und den Lüfter oder die Batterie auszutauschen, entzaubert vermeintliche Blackboxen ungemein.

Ich bin müde, es ist spät und ich bin kurz davor einen schlechten Witz über irgendwas mit Blackbox und schwarz zu machen. Lieber nicht.
Lieber schnell noch ein halbwegs ansehnliches Selfie suchen und dann nochmal nachzählen wie wenige Tage es bis zu meinen großen Sommerferien sind.

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