Grüne Pause

Weil Mini ja schon ganz groß ist, der Größte überhaupt, wenn es nach ihm geht, spielt er zur Zeit oft, dass ich das Baby bin und er die Mama. Neulich lief das so: Er hat mich zugedeckt und ein bisschen gestreichelt, dann ist er aufgestanden und hat verkündet: “Tschüss Baby, Mama geht Arbeit!” Dann kam er wieder, hat kurz Hallo gesagt und sein “Baby” gestreichelt, nur um sich gleich wieder mit “Tschüss Baby, Mama geht Arbeit!” zu verabschieden. Mein erster Impuls als “Baby” war, ihn zu bitten nicht zu gehen, also genau die Dramaturgie, die wir regelmäßig morgens vor der Kita haben. Ich konnte mich gerade noch zurückhalten und habe mich bemüht der kleinen Mama so aufrichtig wie möglich “Viel Spaß in der Arbeit!” zu wünschen.
Natürlich weiß ich es besser, aber trotzdem nagt ein kleiner Zweifel in mir und hofft inständig, dass “Mama geht Arbeit” nicht alles ist, woran Mini sich später aus seiner Kindheit erinnern wird.
Natürlich wird er sich auch an spontane Tanzparties auf dem Wohnzimmerteppich, gemeinsames Teig rühren und Fahrradfahren erinnern. Und ich werde vielleicht irgendwann schaffen, den letzten Funken aufopferndes Mutterbild aus meinem Kopf zu tilgen.
Mini ist da zum Glück schneller. Keine Woche später, mein vorletzter Arbeitstag, steht er morgens fertig angezogen im Flur, neben meiner Mama, die mit ihm einen Ausflug macht. Diesmal bin ich es, die fast vor Rührung weint als er mir erklärt: “Ich wein nicht, Mama! Ich geh mit mein Oma!” Gefolgt von der Anweisung, “Nicht sagen ‘Bis später’, nur ‘Tschüss’!” Vermutlich ist “später” für ihn nicht sonderlich positive konotiert, da es eben nie “jetzt” ist. So wie in „Später gibt es vielleicht ein Eis.“

Jetzt bin ich seit 12 Tagen nicht mehr in die Arbeit gegangen, aber trotzdem war ich fleißig. Ein Kästchen nach dem anderen wird abgehakt auf meiner Sommer-To-Do-Liste.
Ich habe Ausgeschlafen, Eis gegessen, Kuchen gebacken, gelesen und geliebt. Von nichts davon kann mensch je genug haben, weshalb es neben den Kästchen auch schon kleine Strichlisten gibt.
Neben der To-Do-Liste für Aktivitäten gibt es auch eine für Menschen, die ich (wieder) sehen will, mit denen ich reden, Kaffee trinken, oder in einer Wiese liegen will. Eine der gelisteten fand das etwas befremdlich. Als Person auf einer To Do Liste zu stehen sowie die Idee von einer To Do Liste für eine Zeit, die doch frei von allem “tun müssen” sein sollte. Was ich einerseits sehr gut verstehen kann. Andererseits hatte ich schon in den Wochen vor den großen Ferien große Panik, diese Sommerwochen nicht gut genug zu nutzen.
Und gegen solche Panik hilft eben nur gute Planung. In dieser Planung kann dann ja durchaus auch sehr viel Nicht-Nützliches stehen. Als kleiner Hack quasi.
Ich habe angefangen darüber zu sinnieren, ob das Neoliberalismus oder Kalvinismus oder beides ist, was da tief in mir steckt und nicht locker lässt, aber ich will ja Ferien machen und nicht noch eine Diss schreiben, also habe ich die Analyse wieder fallengelassen und stattdessen weiter Urlaubsplanung betrieben.

Nach den letzten beiden Tagen, kann ich einen Haken mehr auf meiner Liste machen, in dem Kästchen neben “Raus”. Raus aus der Stadt, raus ins Grüne. Aus heiterstem Himmel bekam ich vor ein paar Wochen eine Nachricht von einer Bekannten, einer eher entfernten Bekannten, die mir einfach so anbot, ihr kleines Haus auf dem Land zu besuchen. Mit Badestelle und Hängematte und Brombeerhecken. Nach zwei Nächten Tiefschlaf tief im brandenburgischen Nirgendwo, geweckt von einem auch eher entspannten Hahn bin ich endlich wirklich in den Sommerferien angekommen. Ich bin so viel ruhiger und so unfassbar dankbar. Für diese Zeit, für Menschen, die mich einfach so in ihre Landhäuschen einladen, für unerwartet am Wegesrand auftauchende Mirabellenbäume und noch so vieles mehr.

“Die Pausen nutzen, um danach mit voller Kraft weiterzumachen.” Das ist nicht etwa mein neues Lebensmotto sondern ein sehr pragmatische Rat zum Atmen und Weniger-Schnell-Sprechen meiner Rhetorik-Trainerin Bea. In der Tat atme und spreche ich, wie ich lebe. Am liebsten in rasendem Tempo, ohne Pausen, Luftholen ganz schnell mitten im Satz, bloß keine Zeit vergeuden und während ich den einen Satz sage stehen schon die nächsten drei im Kopf schlange und wollen endlich raus. Weshalb ich dann manchmal nach einem Vortrag Seitenstechen habe. Jetzt lasse ich mir also mit Mitte 30 das Atmen beibringen. Und übe gleichzeitig, Pausen zu machen.
Denn dass ich mit voller Kraft weitermachen will, und zwar schon ziemlich bald, steht ja außer Frage.

Auch während der Ferien denke ich über KI nach und will diese Gedanken zusammenfassen. Es gibt da einen Satz zu Algorithmen im aktuellen grünen Grundsatzprogrammentwurf, der mir ein Dorn im Auge ist und den ich wegargumentieren muss. In ein paar Wochen stellt die Bundesregierung ihre Blockchainstrategie vor und mir sträuben sich jetzt schon die Haare und vielleicht werde ich aufschreiben, wieso. In weniger als einem Monat wird in Brandenburg (und in Sachsen) gewählt und ich hoffe, noch einige Landpartien mit Wahlkampfsupport verbinden zu können. Denn ich will auch weiterhin raus ins Grüne radeln können und nicht in ein politisch braun-gammeliges Land.

PS: Montagsposts wird es Sommerferien-bedingt wahrscheinlich eher unregelmäßig geben. Genießt die Pausen dazwischen! 😉

7 Gedanken zu „Grüne Pause“

  1. Was du beschreibst habe ich seinerzeit bei vielen Pirat*innen beobachtet und in den Medientrainings eben weniger Rhetorik, sondern mehr atmen und langsamer sprechen geübt. Du hast mir damals gesagt du brauchst das nicht. Ich freue mich sehr, dass du nun langsam auf deine Weise lernst. Langsamer bedeutet nämlich auch bewusster und am Ende ist die Chance größer Menschen zu erreichen und selbst nicht krank zu werden, was ja auch niemanden nützt. Toll, wie du das beschreibst und ich hoffe, dass auch andere davon lernen können.

    1. Ich vermute ich meinte, ich brauch nicht unbedingt Medientraining. Ich glaube, ich konnte auch da schon ganz gut zwei gerade Sätze sagen und Lampenfieber hatte und hab ich selten…
      Aber das mit dem Atmen, das hat wohl ein bisschen gedauert, bis ich das kapiert habe. Also, wie es gut geht, hab ich ja offensichtlich immer noch nicht kapiert, aber dass ich mich mal damit beschäftigen sollte!
      Danke für Deinen Einsatz!

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