Ich bin seit genau drei Wochen zuhause. Am 8. März war ich mit Tausenden Menschen zum Frauen(kämpf)tag demonstrieren, wir sind quer durch Berlin gezogen, alles was bunt und von den Lautsprecherwagen kam Musik. Am nächsten Morgen bin ich aufgewacht und habe mich furchtbar elend gefühlt. Niemand musste mich überzeugen zuhause zu bleiben, in der letzten Woche in der es in Berlin noch normal gewesen wäre, rauszugehen.
Heute bin ich auf dem Fahrrad ein Teil der Demostrecke entlang gefahren um Mini von seinem Papa abzuholen. Die Strassen waren menschenleer und für Berlin Mitte geradezu gespenstisch still.
Seit zwei Wochen ist die Kita zu und Mini unter der Woche komplett bei mir. Während die Tage mit Mini zuhause noch voller, wuseliger und stressiger sind als “normal” fühle ich mich gleichzeitig surreal bewegungsunfähig. Als ob die Schwerkraft auf einmal doppelt so schwer ist. So habe ich mir das vorgestellt, als ich vor Jahren “Die Wand” gelesen habe. Alles ist unwirklich fern, alle Aktivität fühlt sich merkwürdig sinnbefreit an. Alles andere als systemrelevant.
Ich bestelle Lebensmittel und verbringe Stunden damit, auf Second-Hand-Seiten für Mini nach einem sehnlichst begehrten Superheldenkostüm zu suchen. Ich nähe aus meinem BH einen Mundschutz während ich den Kolleg:innen in einer Videokonferenz beiwohne. Ich koche mehr als jemals in meinem Leben, ich putze und räume. Aber für alles, was nicht unmittelbar mit dem Alltag zu tun hat, fehlt mir der Antrieb.
Ich weiß nicht, wieviel dieser Antriebslosigkeit an der Isolation liegt, wieviel an den verstörenden Nachrichten von überall auf der Welt und an der ungewissen Ahnung dessen, was noch kommen wird, oder einfach an der Grippe (oder Covid-19), die ich hatte.

Zum Glück werde ich trotzdem eingespannt. Nicht nur von Mini, sondern auch von meinem Job und von meiner Partei. Soweit also alles beim Alten. Und trotzdem alles anders. Ich sitze ich in diversen Videokonferenzen, bespreche mich mit meinem Team und diskutiere abends mit einer Gruppe Grüner über die Möglichkeit digitaler Abstimmungen und über feministische Netzpolitik.
Während der Abendtermine schläft Mini meistens schon, tagsüber, baut er Legoautos, guckt er fern oder sitzt auf meinem Schoss und führt meinen Kolleg:innen seine Nasepopelkünste vor. Ich habe ihm von den gefährlichen „Mini-Monstern“ erzählt, die überall unsichtbar lauern, seitdem wäscht er sich ganz oft hochmotiviert und mit viel Gepritschel die Hände. Zuhause bleiben findet er bisher super.
Die erste Woche war alles noch neu und ein klein bisschen aufregend, die zweite Woche wurde es zäh und am zweiten Wochenende dachte ich schon, ich könne nicht mehr. Weil aber ja klar ist, dass wir alle noch viel länger zuhause bleiben werden, habe ich zu dem gegriffen, was immer hilft: Struktur.

Mit dem Herzensmensch zusammen haben wir einen wöchentlichen Speiseplan erstellt. Weil der aber nur drei Ereignisse pro Tag definiert habe ich für Mini und mich einen Stundenplan für den ganzen Tag geschrieben, beginnend mit Frühstück, Kitaturnen, virtueller Morgenkreis, dann mehrere Blöcke Bildschirmzeit (Videokonferenz für mich, Videos für Mini), unterbrochen von Spielen, kurz rausgehen, Mittagessen, Nachmittagssnack. Um 18 Uhr gibt es Abendbrot und ich habe mich nur einmal kurz gefragt, wann ich zu einer so klischee-deutschen Familie geworden bin. Danach geht Mini ins Bett und ich habe abends nochmal ein paar Stunden für adblockende oder grüne Arbeit, oder einfach zum Abhängen.

Seit es den Stundenplan gibt, geht es mir und Mini besser, ich muss zumindest nicht mehr alle Viertelstunde überlegen, was ich und er und wir als nächstes machen. Die erste Videokonferenz des Tages ist meistens die beste, zehn bis zwölf Minis quasseln kreuz und quer, tanzen vor dem Bildschirm oder drücken ihre Nase ans Display vor sie zusammen ein Lied singen und dann jedes erzählen darf, was es mal werden will. Mein Mini verkündet stolz „Ich werde ein Löwe, wenn ich groß bin.“
Überhaupt, digitale Medien sind toll und ich habe beschlossen, dass 3 Stunden Fernsehen am Tag in diesen Zeiten akzeptabel ist und im Zuge dessen Löwenzahn und Sendung mit der Maus zu Homeschooling für Kita deklariert. Jetzt freue ich mich, wenn er mir beim Abendessen Geschichten von Peter Lustig erzählt anstatt mich zu grämen, wie pädagogisch wertvoll das Geglotze ist.
(Schön, dass gerade ein technikpositiver Text zum Thema Bildschirmzeit erschienen ist, mit Kommentaren von Expertinnen wie Patricia Cammarata, die genau darüber gerade ein Buch geschrieben hat.)
Ich weiß mittlerweile auch, dass es mir nicht gut tut, ständig alle Nachrichten rund um die Pandemie aufzusaugen, diese Reizüberflutung trägt sicher nicht unwesentlich zu meiner gefühlten Schockstarre bei. Während es absolut kein Problem, eher das komplette Gegenteil eines Problems, war, Minis Bildschirmzeit zu verlängern schaffe ich es noch nicht wirklich meine eigene zu reduzieren obwohl ich weiß, dass es gut täte anderes zu tun.

Weil Vorsätze nachgewiesenermaßen dann am besten funktionieren, wenn mensch es sich möglichst einfach macht, gibt es jetzt noch mehr Listen. An der Wand, im Notizbuch und auf dem Rechner. Jeden Morgen schreibe ich mir alle To Dos für den Tag auf. Sichtbar in der Küche hängt eine für alles, was ich “nach Corona” machen will, es gibt eine eine für die Menschen, mit denen ich telefonieren will, und eben eine für alle Projekte, die zuhause noch gemacht werden könnten. Den Balkon bepflanzen, den Keller aufräumen, die Lampe im Bad installieren, endlich zu einem koscheren Mail-Provider wechseln.
Müllrausbringen fühlt sich besser an, als Fallzahlen zu verfolgen. Nicht nur, weil ich es danach von der Liste abstreichen kann.

Oder, wie die wunderbare Caroline Emcke formuliert hat: „Wann war das letzte Mal, dass ich morgens den ersten Tee vor den Neuinfektionsraten hatte? Wann habe ich das letzte Mal morgens erst Musik vor den Nachrichten gehört? Wann habe ich zuletzt das Langsame dem Schnellen vorgezogen? Wie wäre es, die Reihenfolge umzukehren: erst Bach zu hören, erst das Ewige in sich einziehen zu lassen, erst sich zu wappnen.”

Am Rechner sitze ich auch ohne übermäßigen Nachrichtenkonsum jeden Tag stundenlang. Bei eyeo gilt ja schon immer eine “remote-first”-Policy, jedes Meeting ist als Videokonferenz angelegt alle Mitarbeiter:innen haben Laptops und alles andere was sie für gutes Arbeiten im Home Office brauchen. Von daher ist es keine große Umstellung und wir können mehr oder weniger wie gewohnt weiter arbeiten. Unsere regelmäßigen Teamtreffen fallen erstmal aus, aber dafür muss sich niemand sorgen machen, dass ihr Job wegfällt.
Für meine Lieblingspartei hingegen war es erstmal ein großer Schlag, denn Parteiarbeit funktioniert auch im 21. Jahrhundert nahezu ausschließlich über persönliche Treffen. Seit Jahren versuche ich diverse Gremien davon zu überzeugen, doch auch eine Teilnahme per Videokonferenz zu ermöglichen. Wenn es nicht aus direkt aus grundsätzlichem Prinzip (Mini sagt zur Zeit immer “Weil es so ist!”) abgelehnt wurde, dann scheiterte es an der Technik. Oder natürlich an Bedenken. Ich habe in den ersten Isolations-Tagen Dutzende Mails und Anrufe beantwortet und Tools für Videokonferenzen sowie die wichtigsten “Spielregeln” erklärt und habe mich über jede einzelne Anfrage gefreut. Genauso wie über die unzähligen Screenshots von virtuell stattfindenden Parteitreffen. Natürlich musste ich auch mal schmunzeln, wenn die Partei auf einmal so einen großen Schritt Richtung Neuland macht. Ein bisschen wie einem Kind bei den ersten Schritten zugucken eben. Keine Woche nach dem Beginn der Kontaktsperre verkündete der Bundesvorstand mit dem Hashtag #umschalten, eine große E-Learning Offensive um die ganze Partei bei dem Umstieg auf digitale Kanäle mitzunehmen. Noch vor vier Wochen hätte ich darüber laut gejubelt, jetzt dämpft die Corona-Pandemie meine Freude drastisch. Aber selbstverständlich bin ich froh darüber, dass wir als Grüne vorleben, dass mensch Politik eben auch im Internet machen kann – und zwar mindestens genauso gut.

Angesichts der täglich steigenden Zahlen der Todesopfer, inmitten einer noch unabsehbar langen Isolation, mit den Gedanken an die Menschen in Moria und den Slums in Mumbai ist es um meinen Optimismus gerade nicht gut bestellt.
Aber hoffen kann mensch auch ohne viel Optimismus. Und so hoffe ich, dass die Digitalisierung der Grünen nicht die einzige gute Veränderung ist, die dieser Ausnahmezustand bewirkt. Ich wage es noch nicht zu träumen, aber wie wunderbar wäre es, wenn Empathie und Solidarität aus dieser Krise wachsen würden? Wenn nicht nur undokumentierte und geflüchtete Menschen in Portugal offiziell Aufenthaltsrechte und eine Krankenversicherung bekommen, sondern überall in Europa?
Wie lange überfällig und schlichtweg gerecht wäre es, Care-Berufe wirklich gut zu bezahlen?
Noch überwiegen meine düsteren Gedanken, die fürchten, dass der Kapitalismus zu einer “jetzt erst Recht”-Form aufläuft, sobald Shoppingmalls und Börsen wieder geöffnet sind. Dass es noch mehr nationalistische Abschottung geben wird, dass Grenzen langfristig geschlossen bleiben.
Als politische Mensch weiß ich, dass weder das eine noch das andere ein Automatismus ist.
Und so hoffe ich, dass aus all der Struktur, die ich dieser Isolation gerade überstülpe, zwischen Home Office, Kinderturnen und Küchenarbeit bald wieder ein bisschen Energie für die großen Themen auftaucht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.