Zuviel des Grünen

Grün, grüner, Krötenzaun
Beim Anblick von Krötenzäunen kam bei mir letzte Woche einiges an Kindheitserinnerungen hoch. Im Nieselregen Frösche und Kröten in Eimer zu sammeln und auf der anderen Seite der Bundesstrasse wieder auszusetzen gehört in eine ähnliche Kategorie wie Pfannkuchen aus selbstgeschrotetem Vollkornmehl. Beides eher so “muss ich nicht nochmal haben”.
Ein paar anderen Öko-Angewohnheiten bin ich aus Überzeugung treu geblieben. Immer und überall Fahrradfahren natürlich, aber auch akribisches Mülltrennen und Second-Hand-Shopping.
Dann gibt es da noch diese Öko-Sachen, die ich nie, nie machen wollte. Birkenstocks tragen zum Beispiel. Ja ich weiß, Heidi Klum hat die irgendwann für stylish erklärt aber in meinem Kopf waren Birkenstock immer diese ausgeleierte Latschen unter selbstgebatikten Röcken. Niemals würde ich meine Highheel-Sammlung mit so etwas verunreinigen!
Oder Camping-Urlaub. Ich bin auf dem Dorf groß geworden und habe mehr als ausreichend zwischen Wäldern und Wiesen mit ausreichend Matsch (und Kröten) verbracht, ich muss da nicht auch noch drin schlafen.

Selbstversuch Camping
Irgendwie haben sich dann doch Birkenstocks in mein Schuhregal geschlichen. Dummerweise sind sie halt wirklich sehr bequem und dann habe ich auch noch festgestellt, dass eins sie auch mit Mini- statt Batikröcken kombinieren kann. Mensch lernt offensichtlich wirklich nie aus.

In diesem Spirit bin ich dann tatsächlich letzte Woche in einen Camping-Urlaub aufgebrochen. Mit einem geliehenen VW-Bus, in den wir nicht nur unsere Birkenstocks, sondern auch das Vollkornmüsli und die Wochenend-Taz gepackt haben. Wir haben auf einsamen Feldwegen übernachtet, nachts den riesigen Sternenhimmel bestaunt und tagsüber die unendliche Weite Brandenburgs. Unser Klo war im Wald und das Bad im nächsten See. Total naturverbunden und romantisch und… unbequem.
Der Herzensmensch war ein wenig verstimmt als ich nach 5 Tagen und Nächten Selbstversuch zu Protokoll gegeben habe, dass Campen einfach wirklich nichts für mich ist. Um Mini zu zitieren: “Was war das schönste am Urlaub?” “Dass wir wieder bei Berlin gekommen sind!”

Kein Netz
Was es in Brandenburg (genauso wie in Bayern) ja auch nicht gibt, ist mobiles Internet. Sternenhimmel sind ja schön und gut, aber ab und an hätte ich abends doch auch gern nochmal nachgeguckt, was in der Welt so passiert. Danke GroKo für “Kein Netz” an keiner Milchkanne, keinem Badesee und erst recht nicht irgendwo dazwischen.
Erst als ich mich auf Usedom in das polnische Handynetz einklinken konnte, konnte ich wieder ein wenig digitale Sozialkontakte pflegen. Danke Europa für kostenfreies Roaming!
Letzteres gilt immerhin seit 2017. Den Netzausbau will die Bundesregierung gefühlt vorantreiben seit es Internet gibt, 2018 hat die jetzige GroKo sich sogar selbst dazu verpflichtet, ein Recht auf (stationäres, nämlich Glasfaser) Internet zu ermöglichen. Natürlich aber nicht so schnell, weil vielleicht ist dieses Internet doch ja nur so eine Modeerscheinung. Aber bis 2025 immerhin. Bis zur Hälfte der Legislatur wollten sie einen Plan entwickeln, wie genau das umgesetzt werden soll. Nun ja. Die Legislaturperiode ist mittlerweile zu drei Vierteln vorbei und einen Plan gibt es immer noch nicht.
Statt “Ich gehe nie wieder Campen” könnte ich also auch einfach “Ich gehe wieder Campen, sobald es überall Netz gibt” sagen.

Was weg kann
Aufwachsen auf einem bayrischen Dorf war ja nicht nur Papp-Pfannkuchen und Krötenzäune sondern auch die omnipräsente CSU-Regentschaft. Leider ist mir die CSU bis nach Berlin gefolgt. Während mich Kein-Netz-Andi-Scheuer ziemlich nervt, kann ich meine Wut über Menschenleben-sind-egal-Seehofer kaum in Worte fassen. Während wir durch die unendliche Weite in Brandenburg tuckerten brannte das Elendslager Moria, in dem seit Monaten über 10.000 Menschen auf engstem Raum eingepfercht waren. Sich über fehlendes Internet und ein Camping-Bett zu beschweren sind ganz offensichtlich “first world problems”. Ich weiß es und ich werde das Unwohlsein nicht los, das mich beim Darüber-Schreiben begleitet. Und ich glaube, es ist wichtig, dass uns allen verdammt unwohl ist, wenn an Europas Grenzen solches Elend geschieht, denn ob wir wollen oder nicht, es geschieht auch in unserem Namen.
Auf Lesbos müssen jetzt Tausende Geflüchtete, traumatisierte Erwachsene, Kinder und Babies auf der offenen Straße ausharren, es wird mit Tränengas auf Menschen, die wirklich nichts mehr haben, geschossen. Wir haben Platz, in Brandenburg, in Bayern, in so vielen Kommunen dazwischen. Wir haben nicht überall schnelles Netz aber wir haben genug Wohnraum, genug Ressourcen, um diesen Menschen eine Zukunft zu ermöglichen.
Ein Innenminister, der gegen den Willen von Ländern und Kommunen eine Aufnahme von Geflüchteten verhindert kann weg, ganz weit weg. Irgendwohin wo es weder Netz noch Regierungsverantwortung gibt.

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