Wie wir ja jetzt wissen, ist Campen nicht so meins. Was der Herzensmensch als großes Manko sieht.

Draußen auf dem Land
Meine These ist ja, dass ich auf Camping-Urlaub deshalb nicht so scharf bin, weil ich als Kind mehr als genug Zeit Draußen, im Grünen, auf dem Land verbracht habe. Der Herzensmensch hingegen ist in einer Stadt aufgewachsen, wie die meisten Camping- und Wanderfans, die ich kenne.
Natürlich liebe ich die Natur. Durch den Wald zu stromern und Material für das nächste Baumhaus zu sammeln, gehört zu meinen schönsten Erinnerungen und ich hoffe, der Kastanienbaum, den ich mit fünf eher zufällig aber sehr erfolgreich gepflanzt habe, steht noch. Wir hatten nicht nur einen Garten sondern unendlich viele Wiesen zum Blumenpflücken im Sommer und zum Iglu-Bauen im Winter.
Ein paar Jahre lang hatten wir sogar einen Tante Emma Laden. Emma hieß Marianne und es gab bei jedem Einkauf eins von diesen viereckigen Kaubonbons. Marianne hat zugemacht als ich noch in der Grundschule war, es hat sich wohl nicht mehr gelohnt. Auch der Bäcker, bei dem es immerhin auch Mickey-Maus-Hefte, die Bravo oder die (immer umgedrehte) Praline gab, hat irgendwann zu gemacht.
Die nächste Kreisstadt ist keine 20 Kilometer weg, mit dem Auto knapp 20 Minuten, mit Öffentlichen nicht erreichbar. Der Bahnhof lag zwar an einer ICE-Strecke aber gehalten haben gerade mal eine Handvoll Regionalzüge am Tag.
Umso älter ich wurde, umso öfter habe ich mich in all der Weite von Wiesen, Wäldern und Feldern eingesperrt und isoliert gefühlt. Keine Cafés, kein Jugendzentrum, keine Läden. Und wegzukommen war ohne Auto quasi nicht möglich. Ich kann gut verstehen, dass für viele aus meiner Klasse das Auto das Symbol für Freiheit war. Weil mensch auf dem Land auch zu Parties nur mit dem Auto kam (und kommt) haben einige diese vermeintliche Freiheit mit dem Leben bezahlt.
Als zur Debatte stand, dass wir nach München ziehen würden konnte ich meine Umzugskisten nicht schnell genug packen. Bis heute empfinde ich die Abgeschiedenheit in der freien Natur nach spätestens zwei Tagen als beklemmend.
Das Dorf, in dem ich groß geworden bin, ist im reichen Bayern, im Umland Münchens und trotzdem fährt der Zug heute nicht öfter als in den frühen 90ern. Würde ich diesen Text in meinem alten Kinderzimmer schreiben, hätte ich zwar DSL, aber ohne Glasfaser wären die Videokonferenzen im Home Office nicht sonderlich smooth.

Wälder oder Autobahnen?
Wenn, anläßlich der Rodung des Danneröder Walds zugunsten einer Autobahn, Unionspolitiker behaupten, Menschen auf dem Land wären auf Autobahnen angewiesen, dann ist das einfach schlichtweg gelogen. Menschen auf dem Land, genau wie die in der Stadt, sind auf funktionierende Infrastruktur angewiesen. Infrastruktur wie ein gut ausgebautes Nahverkehrsnetz und Nahversorgung. Wenn der nächste Laden nah ist und nicht der Discounter im 10 Kilometer entfernten Industriegebiet, dann braucht es auch keine neue Strasse dorthin.
Auf dem Land werden die Folgen der Klimakrise und einer verfehlten Naturschutzpolitik jetzt schon dramatisch deutlich. Dürren verringern die Ernten der Landwirt:innen massiv, Wälder in Monokultur sterben weg. Die übermäßige Hitze in den letzten Sommern spüren wir alle, in der Stadt und im Dorf. Eltern auf dem Land und in der Stadt wollen, dass ihre Kinder auch in Zukunft eine lebenswerte Natur um sich haben. Damit sie frei entscheiden können, ob sie im Grünen Campen wollen oder nicht.

Populistische Ablenkungsmanöver
Das weiß auch die Union, sie steht mit dem Rücken zur Wand und versucht es deshalb mit populistischen Tricks, die direkt aus dem Playbook des US-Präsidenten stammen: Ablenken von den eigenen Fehlern (Mautdebakel, jahrzehntelang verschlafener Breitbandausbau, Missachtung des Pariser Klimaabkommens, um nur mal die größte Flops zu nennen) mittels inhaltsloser Vorwürfe (die Grünen seien die Dagegenpartei, wie einfallsreich). Am übelsten ist aber der sehr durchschaubare Versuch, die Grünen als “Großstadt”-Partei darzustellen, der die Bedürfnisse der Landbevölkerung egal seien. “Divide et impera” ist seit vorchristlichen Zeiten militärische Taktik und in letzter Zeit besonders unter antidemokratischen Präsidenten beliebt. Progressive Kräfte als “Eliten” abzustempeln, die nicht im Interesse der einfachen Menschen agieren, war ein Narrativ der Nazis in Deutschland, es ist das Narrativ Trumps und der White Supremacists, das von Erdogan wenn er Journalist:innen festnimmt, das von Duda und der rechtskonservative PiS in Polen, die “LGBT-freie” Zonen ausrufen.
Es macht mir große Sorgen, wenn sich nicht nur AfD sondern jetzt auch Politiker der Union dieses Narrativ zu eigen machen.

Solidarität statt Spaltung!
Was mich zuversichtlich stimmt, ist dass es überall in diesem Land und gerade auf dem Land so viele motivierte Grüne gibt, die gemeinsam mit den “Großstadt-Grünen” einem solchen Spaltungsversuch Argumente und Engagement entgegen setzen.
Land- und Stadtmenschen, Heteros und Queers, Schwarze und Weiße: Zusammen sind wir stärker.

2 Comments

  1. Magda

    <3. Schade, dass die techwelt dich (ein bisschen) verlieren wird, aber wo du hin willst sind Menschen wie du aktuell definitiv noch so so so viel wichtiger. Ich kann's kaum erwarten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.